Im Monat Juli wird das Thema "Bauen in der Landschaft in Südtirol" aufgegriffen. Informationen wurden von der Abteilung Natur und Landschaft der Autonomen Provinz Bozen - Südtirol, Amt für Landschaftsschutz zur Verfügung gestellt.
Bauen in der Landschaft
Vom landschaftsgerechten Bauen Angesichts der zunehmenden Verbauung unserer Umwelt wird der Ruf nach einer nachhaltigen und landschaftsgerechten Bebauung immer lauter. Verständlich, wenn wir an die wachsende Zahl der Hotelburgen in sensibelsten Landschaftsbereichen oder an die Gewerbezonen denken, die inzwischen fast jeden Dorfeingang markieren.
Die Landesabteilung Natur und Landschaft hat sich daher in den letzten Jahren verstärkt mit diesem Thema auseinandergesetzt.

Bild „Geiselsberg Olang“: Ein Fremdkörper ohne Ortsbezug: Tourismusarchitektur in Olang
Foto: R. Dellagiacoma
Was ist landschaftsgerechte Bebauung? Was „passt“ in unsere Dörfer und Landschaften? Gibt es feste Regeln, die wir in unseren Bauordnungen festschreiben könnten und nach denen sich die Projektanten richten müssten? Würde das ein optimales Einfügen der Bauten in unsere Landschaft garantieren?
Leider oder - je nach Sichtweise – zum Glück gibt es solche Rezepte nicht. Jede Bauaufgabe ist einzigartig: Topografie, Umfeld, klimatische Situation, Funktion des Bauwerks usw. sind immer wieder verschieden. Strenge Regeln bringen keine bessere, sondern höchstens eine Einheitsarchitektur hervor - die letztendlich meist viel zu starr ist, um auf spezifische Projektanforderungen angemessen einzugehen.
Landschaftsgerechtes Bauen heißt also nicht, wie vielfach fälschlich angenommen, die bloße Übernahme tradierter lokaler Baustile, sondern eine intensive Auseinandersetzung mit dem Ort. Das Ergebnis kann dann durchaus auch in einer zeitgemäßen Architektursprache ausformuliert sein. Jede Zeit hat ihre Ausdrucksformen und es wäre falsch, gerade heute nur mehr rückwärtsgewandt zu bauen.
Bild „Holztafelbau in Osttirol“: Ortsverträgliches Bauen mit innovativ eingesetzten lokalen Materialien: Altersheim in Holztafelbauweise, Osttirol
Foto: R. Dellagiacoma
Gute zeitgemäße Architektur versucht, individuelle und regionaltypische Bedürfnisse in funktionsgerechte Gebäude umzusetzen, errichtet aus lokalen Ressourcen sowie landschaftskonform gestaltet im Bewusstsein ideeller und formaler Beziehungen zu Geschichte und Gegenwart. Bauen ist sozusagen ein Balanceakt zwischen Form und Funktion, Geschichte und Gegenwart, Kosten und Ertrag, Gesinnung, individuellem und öffentlichem Interesse.
Will man trotzdem nicht auf Hilfestellungen verzichten, kann man versuchen, folgende „Thesen“ zu berücksichtigen. Sie wurden im Rahmen eines europäischen Projektes erarbeitet und passen durchaus auch auf unsere Realität.
- Landschaftsgerechte Eingriffe verzichten großteils auf Veränderungen des ursprünglichen Geländes (Stützmauern, künstliche Ebenen), sondern operieren geschickt mit der bestehenden Topografie.
- Wird ein neues Gebäude in eine Landschaft eingefügt, ist seine Dimension dem Maßstab der Landschaft anzupassen: In klein strukturierte Gegenden passen sich kleinere Gebäude besser ein, große Gebäude stören die Maßstäblichkeit am Ort.
- Bei der Standortwahl ist eine raumbildende Anordnung der Baukörper zu bevorzugen, anstatt Einzelgebäude auf immer neue, unberührte Freiflächen zu setzen.
- Ein klarer Entwurf, der aus der Funktion heraus entwickelt wurde und ein einmal gefasstes Grundkonzept konsequent umsetzt, fügt sich meist besser in die Landschaft ein als viele „Märchenschlösser“ mit künstlichen Türmchen und einer Vielzahl verworrener Anbauten, da er in der Landschaft einfacher lesbar ist und sich auf das Wesentliche beschränkt.
- Materialverwendung, Oberflächen und Farben sollten bewusst und ortsbezogen gewählt werden.
Diese „Thesen“ sind eigentlich nichts Neues, intuitiv haben sich bereits unsere Vorfahren an diese „Grundregeln“ landschaftsgerechten Bauens gehalten. In jüngster Zeit sind sie leider weitgehend vergessen worden. Wichtig ist nicht die oberflächliche Übernahme tradierter Stile, sondern eine sensible, ortsgerechte Planung. Die Architektursprache darf durchaus zeitgemäß sein, wenn sie die landschaftliche und siedlungsstrukturelle Identität des alpinen Raumes stärker berücksichtigt und gezielt auf den Kontext vor Ort eingeht.
Die Landesabteilung Natur und Landschaft mit Ihren Ämtern, in erster Line dem Amt für Landschaftsschutz (0471 417750), widmet sich dem Thema „Bauen in der Landschaft“ auf breiter Basis.

Bild “Residence Pergola Algund“: Zeitgemäße Architektur, landschaftlich gut eingefügt: Residence Pergola in Algund
Foto: T. Ebner
Auf der Homepage der Abteilung Natur und Landschaft www.provinz.bz.it/natur finden Sie weiter Informationen.
Bild „Zyklopenmauerwerk“: Hangverbauung mit Zyklopenmauerwerk: Der natürliche Geländeverlauf wird hier in keiner Weise berücksichtig
Foto: Archiv Abteilung Natur und Landschaft
Der Landesbeirat für Baukultur und Landschaft
Die Landesregierung hat mit Beschluss Nr. 5104 vom 30. Dezember 2005 den Landesbeirat für Baukultur und Landschaft eingesetzt und damit einen wichtigen Schritt zur Förderung guter, ortsbezogener und zeitgemäßer Architektur getan. Dieses Gremium ist keine neue verpflichtende Bewertungskommission, sondern es berät Gemeinden, Bauherren und Planer bei heiklen oder besonders aussagekräftigen Bauvorhaben aufgrund einer freiwilligen Anfrage. Demzufolge enthalten die Stellungnahmen des Landesbeirates keine Vorschriften, sondern Anregungen zu einer guten Weiterentwicklung der Projekte.
Der Beirat setzt sich aus drei Architekten zusammen, die für ihre Bauten im alpinen Kontext internationale Anerkennung genießen, selbst aber nicht in Südtirol leben und arbeiten. Das garantiert eine neutrale Sichtweise bei der Projektbewertung und stellt gleichzeitig sicher, dass die komplexe Problematik des alpinen Bauens angemessen berücksichtigt wird.

Die Mitglieder des Landesbeirats für Baukultur und Landschaft Gion Caminada, Elena Galvagnini und Wolfgang Ritsch (1., 2. und 4. von links), Landesrat Michl Laimer (3. von links) sowie Abteilungsdirektor und Beiratskoordinator Roland Dellagiacoma (rechts).
Derzeit setzt sich der Landesbeirat für Baukultur und Landschaft aus den Architekten Gion Caminada (CH), Wolfgang Ritsch (A) und Elena Galvagnini (I) zusammen.
Die Tätigkeit des Beirates wird vom Direktor der Abteilung Natur und Landschaft Roland Dellagiacoma koordiniert. Entsprechende Beratungsanfragen sind an die Abteilungsdirektion 0471 417720 oder per E-Mail an roland.dellagiacoma@provinz.bz.it zu richten.
Der Beirat hat ausschließlich beratende Funktion und ist als Serviceleistung der Landesverwaltung für den Bürger und die Baubehörden konzipiert. Er soll dazu beitragen, die Öffentlichkeit für ein ortsgerechtes und landschaftsbezogenes Bauen zu sensibilisieren.
Die Kompetenzen und Aufgaben der rechtskräftigen Entscheidungs- bzw. Begutachtungsgremien sowie die entsprechenden Genehmigungsverfahren bleiben selbstverständlich voll aufrecht.
Gion Caminada – Die Frage nach den Bewertungskriterien in der Architektur
Elena Galvagnini – Precezione del contesto – Analisi del luogo
Tagungsreihe Bauen in der Landschaft
Die Abteilung Natur und Landschaft der Autonomen Provinz Bozen hat mit ihrer Veranstaltungsreihe „Bauen in der Landschaft“ eine Initiative mit dem Ziel gestartet, das Bewusstsein um die Wichtigkeit raumplanerischer und architektonischer Qualität sowie der angemessenen landschaftlichen Einbindung von baulichen Eingriffen in der Landschaft zu stärken.
In den letzten drei Jahren wurden im Rahmen von mehreren sehr stark besuchten Tagungen mit hochkarätigen In- und Ausländischen Referenten drei derzeit besonders aktuelle Themen diskutiert, nämlich:
- Landwirtschaftliche Bauten: Sie stehen meist als isolierte Einzelobjekte oder als freistehende Gruppen inmitten ansonsten unberührter Landstriche und sind daher entscheidend für unser Landschaftsbild mitverantwortlich.
- Gewerbegebiete: Diese prägen die heutige Wahrnehmung unserer Landschaft entscheidend mit, markieren sie doch häufig den Eingang unserer Dörfer oder stehen als weithin sichtbare Inseln in der freien Landschaft.
- Wohnbauzonen: Immer wieder entstehen neue Wohngebiete, meist an den Ortsrändern unserer Städte und Dörfer wo sie den Übergang zwischen der natürlichen und der gebauten Landschaft bilden und zur Zersiedelung unseres Landes beitragen. Zudem werden häufig Bautypologien gewählt, die die landschaftlichen Gegebenheiten in ungenügendem Maße berücksichtigen. Aber nicht nur die landschaftliche Dimension gibt Anlass zum Nachdenken: auch die innere (soziale, raumplanerische und architektonische) Qualität dieser Wohngebiete kann oft nicht überzeugen.
Alberto Ponis - Architettura e contesto
Peter Zumthor - Architektur im Dialog
Ensembleschutz
Ensembles spiegeln die Geschichte und das Zusammenspiel von Mensch und Natur wider und tragen durch ihre Eigenart zur lokalen und regionalen Identität bei. Viele Gemeinden besitzen ein hohes Maß an kulturell äußerst wertvoller Substanz, welche aber nicht unbedingt unter Denkmal- oder Landschaftsschutz gestellt ist. Durch die Einführung des Instrumentes Ensembleschutz besteht nun auch für die Gemeinden die Möglichkeit selbst aktiv die Bewahrung ihrer baulichen, landschaftlichen und kulturellen Schätze in die Hand zu nehmen.
Koordiniert wird der Fachbereich Ensembleschutz durch die Landesabteilungen Raumordnung, Natur und Landschaft,sowie Denkmalpflege.
Weitere Informationen auf der Homepage der Autonomen Provinz Bozen - Südtirol.
Studie Alpine Siedlungsmodelle
Städtebauliche Leitprojekte | Exemplarische Einzelqualitäten
Der Alpenraum in der Mitte Europas ist großen Veränderungen ausgesetzt. Der Siedlungsdruck, die Überbauung der Landschaft nehmen zu und führen zu Uniformität. Häufig bestimmen ingenieurtechnische Infrastrukturen (Straßen, Bahn, Versorgungsleitungen, Bauten für Wassernutzung) die Talräume, die alten Siedlungsstrukturen verkümmern zu marginalen Resten, die Kulturlandschaften verlieren ihre Besonderheiten. Immer öfter müssen technische Verbauungen die Talräume vor Erosion und Lawinen schützen.
Trotz dieser Bedrängnisse finden sich im Alpenraum regionale Beispiele der Auswirkung kultureller Kraft, der es gelingt, positiv auf diese Herausforderungen zu reagieren.
Idee und Ziele der Studie
Auf Vorschlag der Südtiroler Landesabteilung für Natur und Landschaft hat die Arbeitsgemeinschaft Alpenländer ARGE ALP die Durchführung eines Projektes beschlossen, das dazu beitragen soll, die Unterschiede, Besonderheiten und letztlich die regionale Identität in ihren Ländern, Regionen, Kantonen und autonomen Provinzen zu erhalten und eine ausgewogene, nachhaltige Raumnutzung zu fördern.
Während einer intensiven zweijährigen Auseinandersetzung mit dem alpinen Siedlungsraum wurden Strukturen, Vorgaben und Aufgaben von Gemeinden in unterschiedlichen geografischen Lagen analysiert. Die vorliegende Dokumentation zeigt Siedlungsmodelle, die zukunftsorientiert und nachhaltig auf die weitgehend ähnlichen Problemstellungen des alpinen Raums unserer Zeit reagieren. Sie finden in den unterschiedlichen Maßnahmen im Umgang mit kulturellen, ökonomischen und naturräumlichen Potentialen ihren individuellen Ausdruck.
Inhalte
Wesentlicher Aspekt der Studie ist die Gesamtbetrachtung des Alpenraums über Regions- und Landesgrenzen hinaus. Das daraus entstehende Kaleidoskop von Ansätzen illustriert die verschiedenen Strategien und Konzepte und macht die europäische Dimension der Thematik offensichtlich. Das dokumentierte Weiterbauen an den alpinen Kulturlandschaften vermittelt wertvolle Anregungen für Bauwerber und Entscheidungsträger.
Die Studie ist in drei Abschnitte gegliedert; im ersten werden u. a. folgende Themen angesprochen:
· Kontext der Kulturlandschaft zwischen Siedlung und Außenraum
Bsp. Großes Walsertal / Vorarlberg;
· Paradigmenwechsel in der städtebaulichen Entwicklung
Bsp. Alpenrheintal / St. Gallen und Vorarlberg;
· Innenentwicklung und das Weiterbauen am Bestand
Bsp. Hallein / Salzburg;
· Wiederbelebung alter Strukturen
Bsp. Tenno / Trentino;
· Weiterentwicklung einer Marketingstrategie zum Identitätsmerkmal einer Gemeinde
Bsp. Kaltern / Südtirol.
Im zweiten Abschnitt werden exemplarische Projekttypologien aus den Bereichen Landwirtschaft, Sozial- und Gemeinwesen, Tourismus, öffentliche Dienstleistung, Wohnen, Industrie und Gewerbe sowie Infrastruktur vorgestellt. Sie zeichnen sich durch eine gelungene Vernetzung der Bauten mit dem Landschaftsraum und der vorhandenen Siedlungsstruktur und nicht zuletzt durch bemerkenswerte ästhetische Qualitäten aus.
Im dritten Abschnitt schließlich sind die in den einzelnen Siedlungsmodellen festgestellten Gemeinsamkeiten in praxisnahen Handlungsempfehlungen zusammengefasst.
Weitere Informationen: www.land.ar.tum.de/alpinesiedlungsmodelle
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Quelle: Abteilung Natur und Landschaft - Autonome Provinz Bozen - Südtirol